Wer daz elend bauen will (Brentano)

 

   Clemens Brentanos Text

 

1. Wer das Elend bauen will     (1)

der mach sich auf und sei mein G‘sell

wohl auf Sankt Jakobs Straßen.

Zwei Paar Schuh die muss er han

ein Schüssel bei der Flaschen.

 

2. Ein breiten Hut, den soll er han

Und ohne Mantel soll er nit gehn

Mit Leder wohl besetztet

Es schneit' oder regn' oder weht der Wind,

Dass ihn die Luft nit netzet.

 

3. Sack und Stab ist auch dabei,

Er lug, dass er gebeichtet sei,

Gebeichtet und gebüßet!

Kommt er in der Welschen Land,

Er findt kein' deutschen Priester.

 

4. Ein deutschen Priester findt er wohl;

Er weiß nit, wo er sterben soll

Oder sein Leben lassen:

Stirbt er in dem welschen Land,

Man gräbt ihn bei der Straßen.

 

5. So ziehen wir durch Schweizerland ein,

Sie heißen uns gottwillkommen sein

Und geben uns ihre Speise;

Sie legen uns wohl und decken uns warm,

Die Straßen tun sie uns weisen.

 

6. So ziehen wir durch die welschen Land,

Die sein uns Brüdern unbekannt:

Das Elend müssen wir bauen.

Wir rufen Gott und Sant Jakob an

Und unser liebe Frauen.

7. So ziehen wir durch der armen Jecken Land    (2)

Man gibt uns nicht dann Apfeltrank.

Die Berge müssen wir steigen.

Geb man uns Äpfel und Birn genug,

Wir essens für die Feigen.

 

8. So ziehen wir durch Soffeien hinein.    (3)

Man gibt uns weder Brot noch Wein,

die Säck stehn uns gar leere:

Wo ein Bruder zu dem andern kommt,

Der sagt ihm böse Märe.

  

9. So ziehen wir zu Sant Spiritus ein   (4)

Man gibt uns Brot und guten Wein:

Wir leben in reichem Schalle.

Langedoken und Hispanierland,

Das loben wir Brüder alle.

  

10. Es liegen fünf Berg im welschen Land,

Die sein uns Pilgram wohlbekannt:

Der erste heißt Runzevalle,   (5)

Und welcher Bruder darüber geht,

Sein' Backen werden ihm schmale.

  

11. Der ander heißt der Monte Christein,   (6)

Der Pfortenberg mag wohl sein Bruder sein,   (7)

Sie sein einander fast gleiche;

Und welcher Bruder darüber geht,

Verdient das Himmelreiche.

  

12. Der vierte heißt der Ravenel,   (8)

Drüber laufen Brüder und Schwestern schnell,

Der fünfte heißt ihn alle Fabe   (9)

Da leit viel manches Biedermanns Kind

Aus deutschem Land begraben.

  

13.  Der König von Hispanien der führt ein Kron,

Er hat gebaut drei Spital gar schon,

In St. Jakobs Ehren,

Und welcher Bruder darein kommt,

Man beweist ihm Zucht und Ehre.

  

14. Es war dem Spitalmeister nit eben,

Vierthalbhundert Brüder hat er vergeben,

Gott ließ nicht ungerochen.

Zu Burges ward er an ein Kreuz geheft,

Mit scharfen Pfeilen durchstochen.

  

15. Der König der war ein Biedermann,

In Pilgramkleider legt er sich an,

Sein Spital wollt er beschauen,

Was ihm die deutschen Brüder sagten,

Das wollt er nit glauben.

  

16. Da ging er in das Spital ein,

Er hieß ihm bringen Brod und Wein,

Die Suppe die war nit reine;

Spitalmeister, lieber Spitalmeister mein!

Die Brod sind viel zu kleine.

  

17. Der Spitalmeister war ein zornig Mann:

Der Greulich hat dich herein getan,

Das nimmt mich nimmer Wunder!

Und wärst du nit ein welscher Mann,

Ich vergeb dir, wie die deutschen Hunde!

  

18. Und da es an den Abend kam,

Die Brüder wollten schlafen gahn,

Der Pilgram wollt schlafen alleine:

Spitalmeister, lieber Spitalmeister mein

Die Bett sind gar nicht reine.

  

19. Er gab dem Pilgram ein' Schlag,

Dass er von Herzen sehr erschrak,

Er tät zu dem Spital auslaufen,

Die andern Brüder täten

Den Spitalmeister sehr raufen.

  

20. Da es an den Morgen kam,

Man sah viel gewappneter Mann,

Zu dem Spital eindringen,

Man fing den Spitalmeister

Und all sein Hausgesinde.

  

21. Man band ihn auf ein hohes Ross,

Man führt ihn gen Burges auf das Schloss,

Man tät ihn in Eisen einschließen,

Es tät den Spitalmeister

Gar sehr und hart verdrießen.

  

22. Der Spitalmeister hätt ein Töchterlein,

Es mocht recht wohl ein Schälkin sein.

Es nimmt mich immer Wunder,

Dass der liebste Vater mein,

Soll sterben wegen der deutschen Hunde.

  

23. Es stund ein Bruder nahe dabei,

Nun soll es nit verschwiegen sein,

Ich will es selber klagen!

Da ward dasselbig Töchterlein

Unterm Galgen begraben.

  

24. Sieh, Bruder, du sollst nit stille stehn!

Vierzig Meil' hast du noch zu gehn,

Wohl zu Sant Jakobs Münster,

Vierzehen Meil hin hinter lass

Zu einem Stern, heißt Finster.

  

25. Den "Finstern Stern" wollen wir lassn stehn   (11)

Und wollen zu Salvator eingehn,    (12)

Groß Wunderzeichen anschauen:

So rufen wir Gott und Sant Jakob an

Und unser liebe Frauen.

  

26. Bei Sant Jakob vergibt man Pein und Schuld

Der lieb Gott sei uns allen hold

In seinem höchsten Throne!

Der sant Jakob dienen tut,

Der lieb Gott soll ihm lohnen.

 

+ Pax. Vikar Hermann ab Wigbolde Bilrebeke

 

(1) "Das elend bauen" = in die Fremde ziehen

(2) Armagnac

(3) Savoyen

(4) Spiritus = Pont St. Esprit

(5) Roncesvalles

(6) Santa Cristina

(7) Tunnel von San Adrian

(8) Rabanal

(9) La Faba

(11) Kap Finisterre

(12) Oviedo

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                                                                       12/09/2012

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